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Gruß nach vorn
Durch irgendeinen Zufall kramst du in der Bibliothek,
findest diesen Band, stutzt und liest. Guten Tag. Ich bin sehr befangen: du hast einen Anzug an, dessen Mode
von meinem damaligen sehr absticht, auch dein Gehirn trägst du ganz
anders... Ich setze dreimal an: jedesmal mit einem anderen Thema, man muß
doch in Berührung kommen... Jedesmal muß ich es wieder aufgeben - wir
verstehen einander gar nicht. Ich bin wohl zu klein; meine Zeit steht mir
bis zum Halse, kaum gucke ich mit dem Kopf ein bißchen über den Zeitpegel...
da, ich wußte es: du lächelst mich aus. Alles an mir erscheint dir altmodisch: meine Art zu
schreiben, und meine Grammatik und meine Haltung... ah, klopf mir nicht auf
die Schulter, das habe ich nicht gerne. Vergeblich will ich dir sagen, wie
wir es gehabt haben, und wie es gewesen ist... nichts. Du lächelst,
ohnmächtig hallt meine Stimme aus der Vergangenheit, und du weißt alles
besser. Soll ich dir erzählen, was die Leute in meinem Zeitdorf bewegt? Genf?
Shaw-Premiere? Thomas Mann? Das Fernsehen? Eine Stahlinsel im Ozean als
Halteplatz für die Flugzeuge? Du bläst auf alles, und der Staub fliegt
meterhoch, du kannst gar nichts mehr erkennen vor lauter Staub. Soll ich dir Schmeicheleien sagen? Ich kann es nicht.
Selbstverständlich habt ihr die Frage "Völkerbund oder Paneuropa?" nicht
gelöst; Fragen werden ja von der Menschheit nicht gelöst, sondern liegen
gelassen. Selbstverständlich habt ihr fürs tägliche Leben dreihundert
nichtige Maschinen mehr als wir, und im übrigen seid ihr genau so dumm,
genau so klug, genau so wie wir. Was von uns ist geblieben? Wühle nicht in
deinem Gedächtnis nach, in dem, was du in der Schule gelernt hast. Geblieben
ist, was zufällig blieb; was so neutral war, daß es hinüberkam; was wirklich
groß ist, davon ungefähr die Hälfte, und um die kümmert sich kein Mensch -
nur am Sonntagvormittag ein bißchen, im Museum. Es ist so, wie wenn ich
heute mit einem Mann aus dem Dreißigjährigen Krieg reden sollte. "Ja? geht's
gut? Bei der Belagerung Magdeburgs hat es wohl sehr gezogen...?" und was man
so sagt. Ich kann nicht einmal über die Köpfe meiner Zeitgenossen
hinweg ein erhabenes Gespräch mit dir führen, so nach der Melodie: wir beide
verstehen uns schon, denn du bist ein Fortgeschrittener, gleich mir. Ach,
mein Lieber: auch du bist ein Zeitgenosse. Höchstens, wenn ich
Bismarck sage und du dich erst erinnern mußt, wer das das gewesen ist,
grinse ich schon heute vor mich hin: du kannst dir gar nicht denken, wie
stolz die Leute um mich herum auf dessen Unsterblichkeit sind... Na, lassen
wir das. Außerdem wirst du jetzt frühstücken gehen wollen. Guten Tag. Dies Papier ist schon ganz gelb geworden, gelb
wie die Zähne unsrer Landrichter, da, jetzt zerbröckelt die das Blatt unter
den Fingern... nun, es ist auch schon alt. Geh mit Gott oder wie ihr das
Ding dann nennt. Wir haben uns wohl nicht allzuviel mitzuteilen, wir
Mittelmäßigen. Wir sind zerlebt, unser Inhalt ist mit uns dahingegangen. Die
Form war alles. Ja, die Hand will ich dir noch geben. Wegen Anstand. Und jetzt gehst du. Aber das rufe ich dir noch nach: Besser seid ihr auch nicht als wir und die vorigen. Aber keine Spur, aber gar keine - |
...Und wenn alles vorüber ist -; wenn sich das alles
totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in
Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese
Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigsten Eigenschaften des Menschen
zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind;
wenn alle Kämpfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die letzten
freiheitlichen Emigranten dahin geschieden sind-: dann wird es eines Tages
wieder sehr modern werden, liberal zu sein.
Dann wird einer
kommen, der wird eine geradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den
Einzelmenschen entdecken. Er wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch
geheißen, und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist die
Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel. Gruppen sind etwas Sekundäres -
der Staat ist etwas Sekundäres. Es kommt nicht darauf an, daß der Staat lebe
- es kommt darauf an daß der Mensch lebe.
Dieser Mann,
der so spricht, wird eine große Wirkung hervorrufen. Die Leute werden seiner
These zujubeln und werden sagen: "Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das
habe wir noch nie gehört! Eine Epoche der Menschheit bricht an! Welch ein
Genie haben wir unter uns! Auf, auf! Die neue Lehre -!"
Und seine
Bücher werden gekauft werden oder vielmehr die seiner Nachschreiber, denn
der erste ist ja immer der Dumme. Und dann wird sich das auswirken, und hunderttausend schwarzer, brauner und roter Hemden werden in die Ecke fliegen, und auf den Misthaufen. Und die Leute werden wieder Mut zu sich selber bekommen, ohne Mehrheitsbeschlüsse und ohne Angst vor dem Staat, vor dem sie gekuscht hatten wie geprügelte Hunde. Und das wird dann so gehen, bis eines Tages... |
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| Gruß nach vorn - Kurt Tucholsky | ||